Ort

Bozen/Südtirol

Kuratiert von

Lungomare

Mitwirkende
Where on earth do we belong – Recherche

Mai – August 2018

Im Gebiet des Brennerpasses gelegen, war die Stadt Bozen immer schon ein Tor zwischen Nord und Süd, sowie fruchtbarer Knotenpunkt verschiedener Kulturen. Heute befindet sich die Stadt/Region inmitten europaweiter Migrationgsströme und ökologischer Dilemmata. Während der vorbereitenden Recherche zum Projekt werden verschiedene Lebenslinien und Biografien, die mit dem Territorium eng verbunden sind, mittels assoziativer Methoden kartografiert. Dabei werden vor allem deren immanente Möglichkeiten und Fähigkeiten zu Handeln beachtet. In der zweiten Phase der Recherche sollen die so gesammelte Biografien in einer kollektiven Narration mit der Landschaft verwoben werden, um damit alternative Kosmografien der Provinz Südtirol zu artikulieren.

So fanden in der ersten Hälfte des Jahres 2018 unzählige Treffen und Gespräche statt, z.B. in der Winterschule Ultental über traditionelles Textilhandwerk, im Gemeinschaftsgarten Semirurali über das Zusammenleben von „neuen“ und „alten“ Südtirolerinnen und Südtirolern im urbanen Raum sowie in diversen Museen des Landes, um wissenschaftliche Perspektiven auf die materielle Kultur und die historischen Dimensionen der Region kennenzulernen. Dabei sprach Sophie Krier mit Landwirten, Zaunbauern, Webern, Bäckern und anderen traditionellen Handwerkern sowie Archäologen und Archeöloginnen, Anthropologinnen und Ethnologen, Geologen, Architekten, Politikern und vielen mehr.

5. Juni 2018 – Artist Talk

Im Rahmen eines Vortrags stellte Sophie Krier ihr Vorhaben und ihre künstlerische Praxis einer interessierten Öffentlichkeit vor. Als gelernte Textildesignerin (Design Academy Eindhoven) verwebt sie an der Schnittstelle zwischen Kunst und Ökologie die Geschichten von Menschen, Tieren und Orten.

Im Künstlergespräch präsentierte Sophie Krier ihre gegenwärtige Recherche und reflektierte über Fragen von Zugehörigkeit, Erinnerung und Lebensgrundlage. Die Art wie wir Beziehungen zu einem Ort, unserer Familie und uns selbst aufbauen sind grundlegende Fragen in ihrer gegenwärtigen Forschung. Durch den Dialog mit lokalen Handwerkerinnen und Handwerkern und der Erforschung der Topografie und Landschaft, möchte die Recherche nach Gemeinsamkeiten für ungehörte Stimmen von Minderheiten suchen, die nicht nur physische Personen sind, sondern auch Mythen, Orte und Tiere.

Sie verband den Vortrag mit einer direkten Interaktion mit dem Publikum, welche sogleich in die Recherche für „School of Verticality“ eingeflossen ist – das gemeinsame und partizipative Knüpfen von „lifelines“ (Lebenslinien).

Video-Link: Artist Talk Sophie Krier

10. Juli 2018 – Overtime Meeting

Ein Arbeitstreffen, um gemeinsam mit einer geladenen Gruppe von Denkerinnen und Denkern aus Südtirol über die Bedeutung und die Verschiebbarkeit von Grenzen in der Region nachzudenken und zu debattieren. Der Workshop ist Teil der Recherche für das Kapitel drei der „School of Verticality“.

TeilnehmerInnen:
Roland Dellagiacoma (Experte für Landschaftsplanung)
Corrado Morelli (Geologe, Amt für Geologie Kardaun)
Susanne Waiz (Architektin)
Lucio Giudiceandrea (Journalist)
Margareth Kaserer (Künstlerin, Gast-und Landwirtin)
Angelika Burtscher (Kuratorin, Lungomare)
Roberto Gigliotti (Kurator, Lungomare)
Lisa Mazza (Kuratorin, Lungomare)

 

Mit einem Ansatz, der sich durch eine „erweiterte“ Vision des Migrationsgedankens auszeichnet, entwickelt Sophie Krier ein Projekt, welches das Zusammenreffen und den Austausch von Wissen zwischen den verschiedenen Kulturen, die mit dem Territorium Südtirols in Berührung kommen, anregen soll. Im Zentrum der künstlerischen Forschung, die sich auf Gespräche mit Experten der Lokalgeschichte, Anthropologen, Geographen, Landschaftsexperten, Kunsthandwerkern und Sozialarbeitern entwickelt hat, setzt Sophie Krier eine dichte Verflechtung von Elementen, die strukturiert beschreiben,  unsere Welt und die Transformation, die sie durchläuft, ausmacht. Sophie Krier beschränkt sich nicht darauf, mit der Gesellschaft als einem Netzwerk von Beziehungen zwischen Menschen umzugehen, sondern erweitert ihre Intervention auf eine Struktur, in der die Gesellschaft Teil eines komplexen Ökosystems ist, das aus dem Territorium, der Landschaft und all den Wesen besteht, die sie bewohnen. Einschließlich der Tiere, ohne die symbolische Bedeutung zu vernachlässigen, die sie in der lokalen Tradition und in den Kulturen, die sie weiterhin überlagern, annehmen.

Einführung zu „School of Verticality“

Aus den Recherchen der Künstlerin, die im ersten Teil des Jahres 2018 unter der Forschungsfrage „Where on earth do we belong“ durchgeführt wurden, entstand das Projekt SCHOOL OF VERTICALITY (Schule der Vertikalität). Es ist eine Initiative in drei Kapiteln, von denen das erste Kapitel in Bozen am 22. September 2018 anlässlich des Erntefestes des Orto Semirurale präsentiert wurde.

SCHOOL OF VERTICALITY ist ein öffentliches Programm für das Zuhören und Erlernen von situationsbezogenem Wissen. Wo auf Erden gehören wir hin? Welche bereits vergessenen Lebens- und Arbeitsformen können wir sichtbar machen und gemeinsam neu erfinden? Jedes Kapitel verwebt verschiedene Biografien (Mensch, Tier, Region) und Zeiten (Geologie, Geschichte, Biologie, Träume und Erinnerungen) miteinander.

Mit SCHOOL OF VERTICALITY etabliert Sophie Krier ein Format, in dem sich Wissen in einem Prozess der gegenseitigen Bereicherung aller Beteiligten trifft. Die Vertikalität des Titels bezieht sich auf eine eingehende Untersuchung, die nicht nur die Schichten der Gesellschaft und die Komplexität der Phänomene durchquert, sondern sich von der Talsohle bis zur Spitze der Berge unseres Territoriums erstreckt und deren Geschichte, Kultur und Geomorphologie miteinander verwebt.

Kapitel 1: Das Weben der Biographie eines Gartens

ab 22. September 2018

Die erste Episode der SCHOOL OF VERTICALITY trägt den Titel “Weaving one’s garden biographies” (Das Weben der Biografie eines Gartens) und wurde in enger Zusammenarbeit mit dem Verein Donne Nissà und den Gärtnerinnen und Gärtnern des Semirurale Gartens von Bozen definiert.
In einer gemeinsamen Aktion mit dem Verein Akrat installierte Sophie Krier einen vertikalen Webstuhl im Garten, der dazu dienen soll, Fragmente eines Stoffes zu schaffen, die Geschichten und Erinnerungen an den Garten darstellen. Das Ergebnis des Webprozesses wird zusammen mit dem als überdachter Treffpunkt konzipierten Rahmen vor Ort bleiben und sich im Laufe der nächsten Jahreszeiten mit der im Gemüsegarten kultivierten Vegetation verflechten.

Am 22. September 2018, 14 – 18 Uhr wurde der Webstuhl als permanente Intervention vorgestellt und eingeweiht. Die Besucher wurden eingeladen an einem absichtlich vereinfachten outdoor Webstuhl ihre persönlichen Geschichten und Vorstellungen von einem Garten zu weben. Der Webstuhl ist in eine permanente Struktur eingearbeitet, die den Gärtnerinnen und Gärtnern des Semirurali Gemeinschaftsgartens auch darüberhinaus als Ort für Versammlungen und Veranstaltungen, sowie als Lagerraum dienen kann.

Programm:
Ab 17:00 Uhr
«Über das Entwickeln eines Projektes im Dialog mit einem Territorium» Einleitung Lungomare Kuratoren

«Über die geschlechts-spezifische Geschichte des Webens in Südtirol»
Sophie Krier spricht mit der Meraner Weberin Cornelia Larcher

«Kunst als gesellschaft-liche Beziehungsform, und das Verweben der künstlerischen Arbeit mit ihrer sozialen Sphäre»
Francesca Cozzolino, Sozialanthropologin, im Gespräch mit Sophie Krier

«Über das Weben als altüberlieferte Ausdrucksform»
Eine kollektive Tanzperformance mit der Pädagogin Cecilia Muñoz

Mitwirkende:
Cornelia Larcher (text.il.fabric Meran)
Cecilia Muñoz (Mafalda+)
Francesca Cozzolino (Kunstanthropologin, l’École nationale supérieure des Arts Décoratifs de Paris)
Hilary Solly (Donne Nissà)
AKRAT – Christian Mittendorfer

Partner:
Revitatex – Magdalena Oberrauch
Donne Nissà

Der Webstuhl wurde in den Wochen und Monaten nach der Initiation von mehreren Frauengruppen des Donne Nissà Netzwerks für gemeinsame Webaktionen genutzt. Somit wurde das Gewebe weiterentwickelt und immer mehr Geschichten von Gärten aus aller Welt konnten in den Stoff eingearbeitet werden.

Kapitel 2: Das Flechten von Brot regt die Entstehung von Vorstellungswelten an

23. Februar 2019
GEMEINSAME VORSTELLUNGSWELTEN SAMEN

14. April 2019
BROT BRECHEN

Ausgehend von der Redensart „If you loose bread, you loose culture“ (Wenn das Brot verloren geht, geht die Kultur verloren) befasst sich Kapitel 2 im Rahmen von zwei kollektive Erzähl- und Reflexionsworkshops mit den Themen Landschaft, Landschaftspflege, Anbauweisen in der Landwirtschaft, Vielfalt und Überlieferung.

Der erste Workshop wird bei der ersten Ausgabe der Samentauschbörse Mals (23. Februar) statt finden. Der zweite Workshop findet im Rahmen des “Hier und Da – Gut leben im ländlichen Raum / Il buon vivere nelle zone periferiche” Festival (12.-14. April) ebenfalls im Obervinschgau statt. Wegen der klimatischen Bedingungen galt dieses Tal einst als „Kornkammer Südtirols“. Öko-Aktivisten und Aktivistinnen, Bürger und Bürgerinnen haben sich seit einigen Jahren zusammengetan, um das traditionelle Saatgut zu revitalisieren und zu diversifizieren. Doch welche Formen alten Wissens sind uns noch zugänglich? Wie können wir vorhandenes Wissen miteinander verflechten, aktuelle Fragestellungen von Nachhaltigkeit und gesunder Lebensweise knüpfen und damit eine ständige Weiterentwicklung positiv denken? Wie kann ein Know-How, das in anderen geografischen Zonen unserer Welt seinen Ursprung hat, mit regionalem Wissen und Kulturgut vernetzt und sinnvoll ergänzt werden?

Die Biografie eines Brotes beginnt mit dem Samenkorn. Durch die Interaktion mit der Landschaft und dem Menschen wird das Saatgut zu Getreide, Mehl, Teig, Kulturprodukt und immateriellem Erbe. Gemeinsam mit lokalen Expertinnen und Experten nachhaltiger und biologischer Landwirtschaft mit Fokus auf Getreideanbau und -verarbeitung, insbesondere der vielfältigen Brotbacktraditionen, soll eine intersubjektive Verwebung von Wissen und Traditionen angeregt werden. Neben einem Einblick in die geschichtliche Entwicklung des Tals und dessen Getreidevielfalt wird auch praktisches Wissen mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern ausgetauscht.

 

Kapitel 3: Das Verweben von beweglichen Grenzen (Overtime)

25. Mai 2019

Das dritte Kapitel der „School of Verticality“ bildet den Abschluss dieser Serie von ortsspezifischen Interventionen, und reflektiert anhand eines kollektiven Happenings die Kulturlandschaft Südtirol am Beispiel der Villanderer Alm.

Das geplante Happening inspiriert sich an der praktischen und theoretischen Arbeit des amerikanischen Künstlers und Kunsttheoretikers Allan Kaprow und seiner Arbeit „Overtime“. In dieser Arbeit gibt der Künstler Anweisungen, anhand welcher ein 60 Meter langer Zaun über eine Strecke von 1,6 km während einer Nacht verschoben wird. Sophie Krier lässt sich von diesen Vorgaben von Allan Kaprow inspirieren, um die Bedeutungen und Konsequenzen sich verschiebender Grenzen zu reflektieren. Sie nimmt dabei Bezug auf die lokale Tradition des Ultentaler Schrankzaunes (und anderer Südtiroler Weidezauntechniken) mit seinen Eigenschaften als temporärer Zaun, der ohne technische Hilfsmittel flexible Grenzen schafft.