FLUX – Aktionen und Raumerkundungen entlang der Flüsse ist ein zweijähriges Projekt von Lungomare, das sich mit den Flusslandschaften Bozens aus vielseitigen Perspektiven auseinandersetzt. Gemeinsam mit lokalen und internationalen Künstler:innen, Architekt:innen und Forscher:innen sowie durch das Einbeziehen von Alltagsperspektiven erkundet Lungomare die drei Flüsse Etsch, Talfer und Eisack und ihre angrenzenden öffentlichen Räume. Der Flussraum ist für viele Bewohner:innen für eine lebenswerte und gemeinschaftliche Stadt von wesentlicher Bedeutung.

FLUX FRAGMENTS zeigt Beobachtungen und Visionen von Künstler:innen und Architekt:innen für die Flusslandschaften in Bozen. Die Beiträge beobachten das Alltagsleben rund um den Flussraum, erzählen von verborgenen Orten und Lebewesen und setzen sich kritisch mit Ein- und Ausschlüssen in öffentlichen Stadträumen auseinander. Einige Beiträge entstehen speziell für das Projekt FLUX, andere sind Archivarbeiten von Künstler:innen und Architekt:innen, die wir als Anregungen und Impulse für eine weitere Reflexion im Rahmen von FLUX FRAGMENTS zeigen möchten. Ergänzend dazu zeigt FLUX FRAGMENTS historische Bilder und Stadtkarten aus städtischen Archiven, filmische Dokumentationen lokaler Filmemacher:innen und lädt Besucher:innen ein, Fragen zu beantworten. Ein wachsendes Bild-, Text- und Tonarchiv erzählt den Flussraum der Stadt von der Gegenwart bis in die Zukunft. FLUX FRAGMENTS begleitet das zweijährige Projekt mit immer wieder neuen Geschichten, Bildern und Textfragmenten, die wir in den unterschiedlichen SAMMLUNGEN präsentieren.

FLUX FRAGMENTS, Sammlung I

mit Claudia Corrent, Karl Unterfrauner, Ludwig Thalheimer + Susanne Waiz

 

17.05. − 09.09.2022

 

Im Rahmen von FLUX FRAGMENTS, SAMMLUNG I präsentiert Lungomare den ersten fotografischen Streifzug von Claudia Corrent, der für FLUX entstanden ist. In der Fotoserie „Oltrefiume“ überlagert die Fotografin Bildfragmente, historische Stadtansichten, Momentaufnahmen der Vergangenheit und Gegenwart und verwebt so Erinnerung und Zukunft um neue Vorstellungswelten für den Flussraum zu skizzieren. Sichtbare und unsichtbare Schichten erzählen von Ängsten und Träumen, von Nicht-Menschlichen-Lebewesen die Räume für sich beanspruchen, und von Menschen, die Räume mit ihren Aktionen kontinuierlich verändern. Die Arbeit von Claudia Corrent beschreibt, wie gelebte Erinnerung und die Wunschproduktion des Heute eng verwoben sind, wenn wir Stadt gestalten und verändern möchten.

 

In der SAMMLUNG I ist außerdem die Foto- und Tonarbeit „Obdachlos in Bozen“ von Ludwig Thalheimer und Susanne Waiz zu sehen. Die Fotos von Ludwig Thalheimer zeigen das, was wir normalerweise nicht sehen, obwohl es direkt vor unserer Haustür passiert: Menschen, die gezwungen sind, unter menschenunwürdigen Bedingungen zu leben, die auf der Flucht auch ihren Platz in der Gesellschaft verloren haben. Doch Obdachlosigkeit ist weltweit. In Europa und in einer Stadt wie Wien, das für seinen kommunalen sozialen Wohnungsbau bekannt ist, nimmt Obdachlosigkeit erschreckende Formen an. Susanne Waiz verknüpft die Stimmen von Menschen, die beruflich mit Obdachlosigkeit zu tun haben, zu einem fiktiven Dialog.

 

Die Fotoarbeit „Neophyten“ von Karl Unterfrauner zeigt drei Pflanzen entlang des Flusses Talfer, die sich bewusst oder zufällig mit Hilfe des Menschen entlang des Flusses angesiedelt haben. Gemeinsam mit dem Forscher und Biologe Georg Niedrist (Institut für Alpine Umwelt, Eurac Research) hat 2010 der Künstler diese und sehr viele weitere „eingewanderte“ Pflanzen erforscht. Sie sind auf 2.758 Sorten gestoßen, von denen sich etwa 15% erst in jüngster Zeit im alpinen Lebensraum angesiedelt haben. Die Fotoarbeit zeigt die verschiedenen Pflanzenarten in ihrer natürlichen Umgebung im Eisacktal entlang der Brennerautobahn und am Fluss Talfer.

Claudia Corrent (Bozen 1980, lebt und arbeitet zwischen Bozen und Venedig) studierte Moderne Philosophie mit schloss mit einer Arbeit über die Beziehung zwischen Philosophie und Landschaftsfotografie ab. Seit 2013 ist sie Mitglied des künstlerischen Beirats von Foto Forum (Bozen) und der Weigh Station (Bozen). Im Jahr 2015 gewann sie einen Künstlerinnenaufenthalt bei Camera in Turin und besuchte eine Meisterklasse für visuelle Kunst bei Fabrica. Im Jahr 2018 war sie Finalistin beim Premio Fabbri und 2019 gewann sie den Künstlerinnenpreis der Autonomen Provinz Bozen, den Riaperture-Preis, das Capalbiofotofestival und war im selben Jahr Finalistin des Combat-Preises. Sie unterrichtet Fotografie und konzipiert fotografische Projekte für Museen (Mart, Fondazione Sandretto Re Rebaudengo, Festival della Mente di Sarzana, Scuola internazionale di grafica di Venezia). Ihre Fotos wurden in unterschiedlichen Zeitungen und Zeitschriften publiziert, u.a. Repubblica, Der Spiegel, Art, Courrier International und Die Zeit. Ihre Schwerpunkte sind Landschaft, die Beschäftiung mit privaten Bildsammlungen und die kollektive Vorstellungskraft.

Karl Unterfrauner ist 1965 in Meran geboren. Zahlreiche bedeutende Galerien und Museen wie das Museion – Museo d’Arte Moderna e Contemporanea haben Karl Unterfrauners Arbeiten in der Vergangenheit ausgestellt. Im Jahr 1994 verbrachte er einen Atelieraufenthalt bei John Baldessari in Los Angeles (USA). Bis heute wurden seine Werke an verschiedenen Orten in Italien und im Ausland ausgestellt, darunter: Los Angeles, Stuttgart, Frankfurt, München, Berlin, Graz, Bologna und Bari. Karl Unterfrauner lebt und arbeitet derzeit in Bozen.

Ludwig Thalheimer ist 1961 in Bozen geboren und lebt dort. Er studierte Architektur und ist autodidaktischer Fotograf. 1991 gründete er zusammen mit Peter Bay das Studio Lupe in Bozen. Im Jahr 1992 veröffentlichte er den Band Erwachsene Kinder. Von 1999 bis 2002 war er Dozent für Fotografie an der Accademia di Design in Bozen. Im Jahr 2005 veröffentlichte er Undercover (Folio Verlag Bozen/Wien). Zwischen 2015 und 2016 konzipierte und leitete er den Workshop Here I am für Personen mit Fluchterfahrung und Asylbewerber:innen in Bozen. 2018 veröffentlichte er den Band Costa Rica Time Warp (Fotohof Edition Salzburg). Zu seinen Einzelausstellungen zählen: Karlsruhe (Finalist des Wettbewerbs der Hoepfner-Stiftung, 2017), Dresden (Finalist des Wettbewerbs Portraits – Hellerau Photography Award 2017), Bozen (Cubo Garutti, Museion, 2017), Berlin (Gewinner des Preises Vom Weggehen und Ankommen, Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit, Berlin, 2017).

 

Susanne Waiz, diplomierte Architektin aus Wien, gründete 1995 ihr eigenes Studio in Bozen. Neben der architektonischen Gestaltung widmet sie sich dem Schreiben und dem Kuratieren von Ausstellungen, Tätigkeiten, die sie heute fließend miteinander verbindet und in Einklang bringt. Im Jahr 2005 veröffentlichte sie bei Folio Editore Costruire den Band Interventionen an historischen Gebäuden. Die Themen des Bandes griff Waiz später in verschiedenen konkreten Projekten auf, darunter 2012 die Renovierung eines Hauses im Viertel San Giovanni in Villa in Bozen. Mehrere Ausstellungen wie La stalla in disuso, eine Erforschung transformativer Prozesse in der Landwirtschaft, mündeten in Publikationen und Architekturprojekten. Zu Waiz Errungenschaften zählt u.a. ein landwirtschaftliches Gebäude auf dem Egghof oberhalb von Bozen, das im Rahmen des Projekts Nuova Architettura in Alto Adige 2006-2012 ausgezeichnet wurde.

FLUX FRAGMENTS, Sammlung II

mit Anna Michelotti, Amedeo Sartori, Luca Weste und Elisa Cappellari + Matteo Jamunno

 

27.09. − 02.12.2022

 

Die Sammlung II zeigt vier fotografische Streifzüge, die das Alltagsleben rund um den Flussraum erzählen. Die Fotografie wird dabei zu einem Instrument, das sich in Beziehung mit der Welt setzt und eine Serie von Miniaturen der Realität schafft. Die Streifzüge setzen sich aus unterschiedlichen Perspektiven mit den Nutzungen des Flusses und seinen angrenzenden Grünflächen auseinander und zeigen Menschen, die dort leben, arbeiten, ihre Freizeit verbringen und den öffentlichen Stadtraum vielschichtig nutzen. Es werden dabei Lebensentwürfe verhandelt und Widersprüche und Differenzen aufgezeigt, die unser (Zusammen)leben in Städten prägen. Wer darf öffentlichen Raum nutzen und wer hat das Recht und die Möglichkeit eigene Wünsche und Ideen umzusetzen? Wie nutzen Jugendliche den öffentlichen Raum und welchen Platz dürfen sie einnehmen? Welche Wohn- und Lebensformen werden akzeptiert und wer entscheidet darüber? Und warum haben jene Menschen, die am dringendsten auf den öffentlichen Raum angewiesen sind am wenigsten Recht auf seine Nutzung? Die fotografischen Streifzüge entlang der Flusslandschaften setzen sich mit einem heterogenen Stadtraum auseinander und skizzieren, wie eine Vielfalt in der Nutzung und Aneignung des öffentlichen Raumes ein Impuls für neue Perspektiven der Solidarität und Gemeinschaft sein kann.

 

Anna Michelotti begleitet in ihrem Fotoessay Jugendliche, die sich den Flussraum aneignen, um unter sich zu sein und eine intime Gemeinschaft zu leben. Elisa Cappellari sucht Menschen auf, die entlang des Flusses nicht nur Kajak fahren, sondern auch Strom erzeugen und dort ihr Garten angelegt haben. Matteo Jamunno unternimmt zu diesen Bildern und Geschichten eine literarische-akkustische Reise. Entlang des Flusses von Amedeo Sartori dokumentiert das öffentliche Leben am Flussufer rund um die Trient-Straße, während die Arbeit Maradona von Luca Weste den Lebensraum eines jungen Mannes beschreibt, der sich unter der Autobahnbrücke sein Zuhause eingerichtet hat. So entsteht eine heterogene Zusammensetzung aus Sichtweisen auf den Fluss und seinem Potenzial sowie Darstellungen von Menschen und ihren Leben.

Anie Maki / Anna Michelotti (1998, Bozen) ist Fotografin. In meiner Arbeit geht es oft um Erinnerungen und Menschen. Sie hört gerne zu und interessiert sich für persönliche Erzählungen und Geschichten, welche ihr Umfeld und Realität reflektieren. Sie beobachtet Beziehungen, Individuen und die Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

Amedeo Sartori, alias Zac. Als Autodidakt und hartnäckiger Nonkonformist begeisterte er sich schon früh für das Kino. Im Alter von sechzehn Jahren versuchte er sich an seinen ersten Kurzfilmen und entwickelte zunehmend eine große Leidenschaft für die siebente Kunst in all ihren Formen und Ausprägungen. Während er seine schulische und berufliche Laufbahn vernachlässigte, die (teilweise) nichts mit seiner Leidenschaft für das Kino zu tun hatte, entwickelte er stetig seine eigene künstlerische Sensibilität, indem er ein tiefes Interesse für das Konzept der Zeit, der Erinnerung und der Bewegung entwickelte und die Beziehung zwischen Wahrnehmung und Bild untersuchte.

Luca Weste, italienisch-deutscher Herkunft, wurde 1999 in Bologna, Italien, geboren. Er studiert derzeit Design an der Freien Universität Bozen, wo er seinen Schwerpunkt auf visuelle Kommunikation legt. Er sammelt alte analoge Kameras, die ihm mit ihrer Langsamkeit helfen, die Zwischenräume der Städte zu erkunden. Die Aufnahmen werden von einem Interesse an den Rändern, den oft unbeachteten Orten und Menschen angetrieben, mit denen er versucht, neue Geschichten zu finden und zu erzählen.

Elisa Cappellari (1993) ist eine Fotografin aus Südtirol, Italien – geboren in Brasilien. Ihr Interesse gilt vor allem der Frage, wie es zwei entfernte oder entgegengesetzte Wesenheiten schaffen, sich zu begegnen. Dies zeigt sich in ihren Fotos und Texten, die die Verbindung zwischen Menschen, Tieren, der Wildnis und der häuslichen Umgebung dokumentieren. Ihre Rolle als Geschichtenerzählerin spielt sich zwischen Beobachtung und Auswahl der Geschichte ab; mit dieser Konstante versucht sie, Dialoge über die Freiheit des individuellen Seins zu eröffnen.

 

Matteo Jamunno (1983) ist Sänger, Musiker, Dichter, Schriftsteller, Podcaster, Erzähler, Grafikdesigner und Performer, geboren in Neapel, Italien. Ein roter Faden war für ihn immer das Bedürfnis, Geschichten zu erzählen und Emotionen zu vermitteln. Seit 2013 lebt und arbeitet er in Wien, Österreich.

Jahr

2022 – ongoing

Ort

Bozen

Künstlerische Leitung

Angelika Burtscher, Daniele Lupo

Künstler:innen

Johanna Dehio + Johanna Padge, FuturefarmersHerwig TurkSööt/Zeyringer

Fotografische Beiträge

Claudia Corrent, Anna Michelotti

Team

Elisa Cappellari, Chiara Cesaretti, Linsey Dolleman, Ada Keller, Flora Mammana

Mit der Unterstützung von

Autonome Provinz Bozen, Kulturabteilung; Österreichisches Kulturforum Mailand; Gemeinde Bozen - Amt für Kultur; Stiftung Sparkasse Bozen